Wie entsteht ein Waldorfkindergarten?

  • Er entsteht aus der Initiative der Eltern.
  • Er wird rechtlich von einem Verein getragen und
  • erhält öffentliche Zuschüsse als Träger der Jugendhilfe,
  • braucht aber Beiträge der Eltern.
  • Er verwaltet sich selbst.

In der Institution eines Waldorfkindergartens verbinden sich drei Elemente:

  1. Die Erziehungsidee der Waldorfpädagogik
  2. Gesellschaftliche Verhältnisse
  3. Gemeinsames Engagement von Eltern und ErzieherInnen. 

So entstehen ganz individuelle Einrichtungen, die in erster Linie von einem Prinzip getragen sind: dem Wesen des Kindes verpflichtet zu sein. Deshalb steht der Waldorfkindergarten allen Kindern, unabhängig von Religion, Geschlecht und Einkommen der Eltern, offen.

Die Verwaltung des Kindergartens entscheidet über die Höhe der Beiträge.
Die Erzieher entscheiden über die Aufnahme der Kinder.

Aus den Initiativen haben sich in Deutschland verschiedene Formen entwickelt:

  • Krabbelgruppen
  • Kinderkrippen / Waldorfwiegestuben
  • Halbtagskindergärten
  • Ganztagskindergärten
  • Schulkindergärten
  • Horte
  • Integrierte Kindergärten mit behinderten Kindern
  • Heilpädagogische Kindergärten

Neue Formen werden im Wandel der gesellschaftlichen Bedürfnisse entwickelt.

Der Grundimpuls der Kleinkindbetreuung

Seit einigen Jahren geht die gesellschaftliche Entwicklung dahin, dass sich immer mehr Eltern - aus unterschiedlichen Gründen - entschließen, ihre Kleinkinder in die Tagesbetreuung einer Wiegestube, einer Kinderkrippe oder einer ähnlichen Einrichtung zu geben und sie werden darin von der Politik unterstützt durch den massiven Ausbau entsprechender Angebote. Auch die Waldorfkindergärten wollen sich dem nicht entziehen und reagieren auf die wachsende Nachfrage mit der Gründung zahlreicher Kleinkindgruppen, Krip­pen oder Wiegestuben.

Zeitgleich mit diesem Trend wurde in den letzten Jahren von der Kindheitsforschung, der Hirnforschung und anderen Wissenschaftszweigen eindrucks­voll die fundamentale Bedeutung frühkindlicher Erfahrungen für das ganze spätere Leben heraus­gearbeitet. Die Befunde machen deutlich, vor welch hoher, kaum zu überschätzender Verantwor­tung jeder steht, der eine Ein­richtung zur Tagesbetreuung von Kindern unter drei Jahren grün­den und betreiben möchte. Alle Initiatoren eines solchen Projekts wie auch alle Mitarbeiterinnen werden gewissenhaft die Frage zu prüfen haben, wie sie der Verant­wortung gerecht werden können, sowohl gegenüber den Kindern, wie auch gegenüber den Eltern.

Die innere Haltung und Gesinnung, mit der die Erwachsenen im täglichen Umgang dem kleinen Kind begegnen, wirkt gestaltend und prägend auf seine Leiblichkeit und hat Konsequenzen für die Ausbildung seiner Gesundheit und Leistungsfähigkeit, seiner Resilienz und Kreativität. Die Grundlagen für die spätere Reflexions-, Kommunikations- und Handlungsfähigkeit des Erwachsenen werden in der Kindheit gelegt, nicht durch gedankliche Operationen, sondern durch die handgreiflichen, sinnlich­konkreten Erfahrungen, die das Kind an seiner Umgebung machen kann, durch die differenzierte Entfaltung seiner motorischen Fähigkeiten, die ihm ermög­licht wird, und nicht zuletzt durch die Intensität der Bindung, die es zu den Bezugspersonen aufbauen darf. Was später als gedanklich-fachliche Kompe­tenz, als Sozialkompetenz und als Selbstkompetenz zu Tage tritt, hat seine Basis in solchen ganz anders gearteten Tätigkeiten und Erfahrungen der frühen Kindheit.

Diese Verwandlungsprozesse (Metamorphosen) lassen aus den frühkind­lichen, stets mit der Leiblichkeit verbundenen Entwicklungen seelische und geistige Fähigkeiten reifen. Sie zu unterstützen und zu fördern ist bis in die Gestaltung des Alltagsgeschehens hinein das zentrale Anliegen aller frühkind­lichen Betreuungseinrichtungen auf Grundlage der Waldorfpädagogik, so ver­schieden sie auch im Einzelnen sein mögen.

Bindung und Bezugsperson

Wie Forschung und Praxis zeigen, ist in einer Kinderkrippe bei entsprechender Gestaltung und Eingewöhnung eine weitere feste Bezugs­person zu der originären Rolle der Eltern durchaus möglich und in manchen Lebenssituationen der Eltern für das Kind sogar förderlich. Indessen ist darauf zu achten, dass die Erzieherin nicht die Rolle der Mutter zu imitieren versucht; sie baut die Beziehung zu dem Kind über den regelmäßigen, persönlich-war­men Kontakt in professioneller Weise auf, indem sie dem Kind zugleich mit der Pflege die förderliche Atmosphäre und liebevolle Achtsamkeit zukommen lässt, die es zu seiner Entwicklung braucht. Wird das konsequent praktiziert, kann das Kind über die Eltern als Hauptbezugspersonen hinaus eine Bindung zu der Erzieherin entwickeln, ebenso wie es das zu einer regelmäßig anwe­senden Verwandten tun würde, sofern diese wahrnehmbar ein gutes, einver­nehmliches Verhältnis zu den Eltern pflegt.

Daher ist zusätzlich zu der Arbeit am Kind auch die Pflege eines guten Ver­hältnisses zu den Eltern eine wichtige Aufgabe der Erzieherinnen, die erheb­liche Kompetenz verlangt. Denn es gilt, die Eltern nicht nur vertrauensvoll in alle Vorgänge einzubeziehen, sondern ihnen auch hilfreich zur Seite zu stehen, beispielsweise wenn sie sich mit der frühen Trennung von ihrem Kind emo­tional überfordert fühlen.

Zusammenarbeit mit den Eltern

Ein Kind - und insbesondere ein kleines Kind - kann ohne seine Eltern oder entsprechende Bezugspersonen nicht gedeihen. Durch die heutigen Lebensver­hältnisse und nicht zuletzt durch die zunehmende Individuation der Eltern wer­den inzwischen etwa 15 % der unter Dreijährigen und 89 % der Fünfjährigen in Deutschland institutionell betreut, davon rund ein Drittel ganztägig. Dennoch bleiben die Eltern die wichtigsten Bezugspersonen für ihr Kind, selbst wenn das Kind während seiner Tageswachzeit überwiegend in einer Wiegestube, in einer Ganztagesgruppe, Schule oder Hort betreut wird.

Das Verhältnis von Elternhaus und Institution ist im gesetzlichen Rahmen­werk des Kinder- und Jugendhilfe-Gesetzes klar definiert: "Das Leistungsangebot der In­stitutionen soll sich pädagogisch und organi­satorisch an den Bedürfnissen der Kinder und der Familien orientieren" (§ 22a, Abs. 3 SGB VIII). Der respektvolle und achtsame Umgang, der von den Betreuerinnen dem Kind gegenüber gepflegt wird, muss auch für den Umgang mit den Eltern gelten. Denn eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Eltern ist gerade im Kleinkindbereich von elementarer Bedeutung. Anregungen können gegeben oder vorgelebt werden, die dazu beitragen, gemeinsam mit den Eltern einen gesunden Lebensrhythmus in den Alltag der Kinder zu bringen und profes­sionelle (nicht subjektive) Bindungen zu den Kindern entstehen zu lassen.

Partizipation der Eltern und Zusammenarbeit auf Augenhöhe

Einrichtungen in freier Trägerschaft erwarten von den Eltern und Bezugs­personen ein besonderes Engagement, was im Kleinkindbereich ja auch der inneren Notwendigkeit des Erziehungsauftrages entspricht. Elternbeteiligung und wechselseitige Beratung von Erzieherinnen und Eltern haben daher einen großen Stellenwert. Indessen ist zu berücksichtigen, dass die Eltern von Kin­dern in einer Tagesbetreuung meistens berufstätig sind, so dass ihre Zeit mit den Kindern sehr begrenzt bleibt. Insofern sollte Elternarbeit in einer Klein­kindbetreuungseinrichtung gleichzeitig auch entlastend und unterstützend sein.

Hilfreich für einen guten Kontakt mit den Eltern ist die Eingewöhnungszeit, in der ein Elternteil bis zu drei Wochen vertraut wird mit der Arbeit und dem laufenden Betrieb, ferner die tägliche Begrüßung am Morgen und z. B. der ge­meinsame Tee während der Abholungszeit oder ähnliches. Diese Begegnungsmöglichkeiten dienen der Elternpartizipation. Sie wird durch Elternabende unterstützt.

Elternpartizipation ist die aktive, partnerschaft­liche Zusammenarbeit bei der Erziehung der Kin­der. Eltern möchten dabei wahr- und ernst genom­men werden. Wenn die pädagogische Arbeit im weitesten Umfang als Bildungsarbeit angesehen wird, bekommt auch das Mitgestalten von Festen, das Renovieren der Einrichtung, anfallende Gar­tenarbeit und strukturelle, organisatorische oder fi­nanzielle Mitträgerschaft einen neuen Stellenwert. Ein offener und guter Erfahrungsaustausch kann hier beispielsweise dadurch möglich werden, dass die Eltern an geeigneter Stelle ihre individuellen beruflichen Kompetenzen mit einbringen können. Das allerdings setzt ein gesundes Selbstbewusst­sein seitens der Pädagoginnen voraus.